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Siemens Healthineers MedMuseum

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Auch ganz elektrisiert?

Ob einem „die Haare zu Berge stehen“ oder man „ordentlich eine gewischt bekommt“ – Elektrizität wirkt auf den Körper und steuert selbst viele Körperfunktionen. Sie lässt Nerven kommunizieren und regt über Impulse die Muskeln an. Bereits um 1750 haben Mediziner begonnen, mit Reibungselektrizität zu experimentieren: Sie versuchten, mithilfe von Elektrizität, das sie „elektrisches Feuer“ nannten, Krankheiten zu heilen. Meist waren Fingerkribbeln, abstehende Haare oder kleine Stromschläge die ersten spürbaren Auswirkungen. Diese frühen Versuche erfolgten mithilfe sogenannter Elektrisiermaschinen, seit 1800 auch mit Batterien und nach 1831 mit Induktionsmaschinen. Quacksalberei begleitete die zahlreichen Heilerfolge und brachte die Elektrotherapie bei Fachleuten anfangs in Verruf.

 

Der französische Mediziner Guillaume-Benjamin Amand Duchenne de Boulogne (1806-1875) führte um 1860 spektakuläre Versuche durch: Er stimulierte mithilfe von Strom verschiedene Gesichtsmuskeln und schrieb bereits zwei Jahre später eine grundlegende Arbeit darüber. Er nannte das „Muskelareal“, das für das Lächeln zuständig ist den „Muskel der Freude". Dank der damals schon bekannten, aber noch jungen Fotographie konnten so einzigartige Bilder entstehen, die Duchennes Experimente dokumentieren. 

Siemens MedMuseum Elektromedizin Versuche Guillaume-Benjamin Amand Duchenne de Boulogne
Duchennes „Muskel der Freude“ (1860)© Wikimedia commons

Ende des 19. Jahrhunderts sind die Menschen durch neue Erfindungen wie Telegrafen und Glühlampen von der Elektrizität fasziniert. Dies beflügelt auch ihren Glauben an die Heilkraft des Stroms. Zeitgleich entdecken und beweisen Wissenschaftler und Ärzte auch, dass Elektrizität auf den Körper wirkt und selbst viele Körperfunktionen steuert. Strom lässt Nerven kommunizieren und regt über Impulse die Muskeln an. Die ersten Ideen, um diese Erkenntnis auch technologisch zu nutzen und umzusetzen, lassen nicht lange auf sich warten.

 

Ein neuer Industriezweig entsteht
Werner Siemens und sein Bruder Friedrich haben 1844 die Idee, eine von Werners Erfindungen medizinisch einzusetzen. Sie wollen Friedrichs Zahnschmerzen mit Strom behandeln und nutzen dafür eine von Werners Erfindungen, der er den Namen Voltainduktor gegeben hat. Werner Siemens‘ Geschäftspartner Johann Georg Halske verbessert später das Gerät zusammen mit einem Physiologen namens Emil Du Bois-Reymond. Der neue Apparat wird von der Firma Siemens & Halske in großer Stückzahl produziert und erfolgreich in aller Welt vertrieben. Auch die sogenannte „Reinigers Tauchbatterie“ ist eines der frühen Therapiegeräte. Es ist ein Stromspeicher besonderer Art: Durch Öffnen des Deckels werden Kohle-Zink-Elemente in eine Chromsäurelösung getaucht. So wird Strom erzeugt, der für die Reizstromtherapie genutzt werden kann. Der Apparat wird von Erwin Moritz Reiniger vor 1882 entwickelt und in den folgenden zehn Jahren viele Tausend Mal verkauft. Die Elektrotherapie ist damit eine der ältesten Medizintechnologien überhaupt. 

Siemens MedMuseum Eletromedizin Reinigers Tauchbatterie
Reinigers Tauchbatterie (um 1890)

Strom für die Therapie…

Mit Ideen wie diesen und vielen mehr entsteht Ende des 19. Jahrhunderts ein völlig neuer Industriezweig, der sich auf die Produktion und den Vertrieb verschiedener elektromedizinischer Geräte spezialisiert. Zu den ersten Firmen, die solche - anfangs nur therapeutische - Geräte herstellen, gehören auch die Firmen Siemens & Halske in Berlin und Reiniger, Gebbert & Schall (RGS) in Erlangen. Bis in die 1920er Jahre noch Konkurrenten, übernimmt Siemens & Halske 1925 RGS.

 

… und die Diagnose
Ab 1900 beginnt mit der Entwicklung des Elektrokardiographen auch die Ära der Elektrodiagnostik. Die Apparaturen können die feinen Körperströme nun genauer messen und zeigen noch deutlicher, wie der Körper funktioniert. Die Erkenntnisse ermöglichen wiederum eine gezieltere Therapie – auch mittels Elektrizität. Für unterschiedliche therapeutische und diagnostische Zwecke wird beispielsweise der Universal-Anschlussapparat Pantostat genutzt – so etwa für Vibrationsmassagen, zur Reizstromtherapie aber auch für Untersuchungen mit Endoskopen. Der Pantostat löst die vielen vorher üblichen Geräte für einzelne Anwendungen ab. Mit über 16.000 verkauften Exemplaren weltweit ist er während seiner Zeit einer der meist verwendeten Apparate dieser Art. 

Siemens MedMuseum Elektromedizin Pantostat
Nasenoperation mit dem Pantostat (1910)

Die Elektromedizin ist auch heute noch eine wichtige Modalität der Medizintechnik, sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie.

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