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Siemens Healthineers MedMuseum

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Mit dem Gummischlauch ins Herz

Von den Anfängen der Herzkatheterisierung

Als der junge Assistenzarzt Werner Forßmann (1904-1979) durch die Räume der Auguste-Victoria-Klinik Eberswalde in Brandenburg schleicht, plant er einen ungewöhnlichen Selbstversuch: Er möchte sich einen eingeölten Blasenkatheter aus Kautschuk über einen Venenzugang bis ins Herz schieben, um es mittels Röntgendiagnostik untersuchen zu können. Heute in der Kardiologie unverzichtbar und häufig angewandt, erscheint eine Herzkatheter-Untersuchung 1929 noch als ziemlich verrückte Idee. Werner Forßmann hat es dennoch gewagt. Denn bis dahin haben nur wenige Ärzte mit dem Einführen von Gefäßkathetern an Leichen und Tieren experimentiert. Am lebenden Menschen hat es bisher noch niemand versucht. Für Herzuntersuchungen nutzt man zu dieser Zeit vor allem Röntgenuntersuchungen oder Elektrokardiogramme, bis Forßmann seine Idee in die Tat umsetzt.

Geheimversuch während der Mittagspause

Forßmann plant seinen ersten Selbstversuch minutiös und beweist damit Mut und Finesse zugleich: Er nutzt die ruhige Zeit der Mittagspause im Krankenhaus, da er alles heimlich machen muss. Von Kollegen und seinem damaligen Chefarzt erhält er für dieses Experiment keine Unterstützung. Doch es gelingt ihm trotzdem: Der Schlauch steckt bereits in seinem Körper, als er in das Röntgenzimmer läuft, um den Versuch zu vollenden und mit Hilfe einer Röntgenaufnahme zu dokumentieren. In seinen Erinnerungen beschreibt Forßmann später: „Der Katheter ließ sich spielend leicht 35 cm hoch einführen.“ Und in einem zweiten Anlauf erreicht er dann nach 65 cm die rechte Herzkammer. Die Aufnahme von Forßmanns Herz mit dem Schlauch darin ist auch im Siemens Healthineers MedMuseum in Erlangen zu sehen.

Gummischlauch in der rechten Herzvorkammer von Werner Forßmann
Die historische Röntgenaufnahme des Selbstversuchs: Der Gummischlauch in der rechten Herzvorkammer von Werner Forßmann (1929)
Bild-Quelle: Klinische Wochenschrift 8, Nr. 49, 2085-2087(1929)

Charité oder Zirkus?

Im November 1929 veröffentlicht die „Klinische Wochenschrift“ die Beschreibung von Forßmanns Selbstversuch. Doch seine ungewöhnliche Methode stößt anfangs auf wenig Resonanz in der Fachwelt. Zu dieser Zeit arbeitet er bereits an der renommierten Berliner Charité und hofft daher auf Unterstützung des dort tätigen Chirurgen Ernst Ferdinand Sauerbruch. Doch Sauerbruch ist derart entrüstet über Forßmanns Selbstversuch und die Veröffentlichung, dass er ihn entlässt. Sauerbruchs Kommentar: „Mit solchen Kunststücken habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik.“ Wie sehr sich Sauerbruch doch täuschen sollte – noch heute gilt die Herzkatheteruntersuchung als Goldstandard in Diagnose und Therapie der Koronaren Herzkrankheit (Herzgefäßerkrankung). Unverzichtbar zur Darstellung von Katheter und Gefäße ist dabei die Röntgenkontrolle.

Werner Forßmann mit seiner Ehefrau Elisabeth beim Beurteilen eines Röntgenbildes in Bad Kreuznach, frühe 1950er Jahre.
Werner Forßmann mit seiner Ehefrau Elisabeth beim Beurteilen eines Röntgenbildes in Bad Kreuznach, frühe 1950er Jahre.
Quelle: Familienarchiv Forßmann

Röntgenkontrolle unverzichtbar

Im Jahr 1950 stellt Siemens das erste dezidierte Angiographiesystem mit Namen Angiograph auf dem Internationalen Röntgenkongress in London vor. Eine spezielle Vorrichtung ermöglicht die Aufnahme einer Serie von Herzbildern. Es wird auch zur Kontrolle bei Herzkatheter-Untersuchungen eingesetzt. Seinen ersten Spezialarbeitsplatz für das Herzkatheterlabor stellt Siemens im Jahr 1972 vor: das Cardoskop U. Das System schwenkt hier um den Patienten, was damals völlig neu ist und die Behandlung einfacher macht.

Angiograph von Siemens 1950
Der Angiograph von Siemens wird 1950 auf dem Internationalen Röntgenkongress in London vorgestellt
Spezialarbeitsplatz für das Herzkatheterlabor Cardoskop U
Der Spezialarbeitsplatz für das Herzkatheterlabor Cardoskop U ist im Jahr 1972 eine Neuheit von Siemens

Mit Ballons in verstopfte Arterien

Einen weiteren Grundstein in der Kardiologie legt der Arzt Andreas Grüntzig (1939-1985) als er eine Methode entwickelt, mit der sich verstopfte Arterien ohne Operation wieder öffnen ließen. Er schafft es als Erster, einen Ballon am Ende eines Katheters zu platzieren, diesen zur Verschlussstelle zu schieben und das Gefäß von innen zu weiten. Dies gelingt ihm bereits im Februar 1974 an einem Patienten mit einer verschlossenen Beinarterie am Universitätsspital Zürich. Drei Jahre später – am 16. September 1977 - schafft er mit der weltweit erstmaligen Öffnung einer verengten Herzarterie den Durchbruch in der interventionellen Kardiologie: Perkutane Transluminale Coronare Angioplastie (PTCA) nennt sich dieser fortan auch als „Grüntzig‘sche Methode1“ bekannte Eingriff, der ihn weltberühmt macht. Auch Grüntzig hat anfangs mit Widerständen zu kämpfen, doch seine Leidenschaft und seine Experimentierfreude hat ihm letztlich den Erfolg gebracht – wie auch zuvor schon Werner Forßmann2.

Werner Forßmann wird übrigens später für seinen waghalsigen Eigenversuch belohnt: Im Jahr 1956 erhält er für seine grundlegenden Arbeiten zur Herzkatheterdiagnostik – zusammen mit André Cournand und Dickinson Richards – den Nobelpreis für Medizin.


Herzkatheter-Untersuchungen

Bei Herzkatheter-Untersuchungen handelt es sich um minimal-invasive Eingriffe. Sie sind eine wichtige Methode zur Diagnose und Behandlung von Herzerkrankungen verschiedenster Art – wie etwa der Befundung von Herzkranzgefäßen mittels der sogenannten Koronarangiographie. Dabei wird Kontrastmittel in die Herzkranzgefäße injiziert. Erkennt man bei der Untersuchung eine Verengung oder gar einen Verschluss der Gefäße, können diese über einen speziellen Ballon ausgedehnt und durch die Implantation einer Gefäßstütze (Stent) therapiert werden. Heute werden alleine in Deutschland etwa 1,1 Millionen3 Herzkatheteruntersuchungen durchgeführt – bei über einem Drittel davon wurden die Herzgefäße noch während dieses Eingriffs behandelt.

1 Beck, Andreas „Andreas Grüntzig. Eine Idee verändert die Medizin” Clio-Verlag Konstanz, 1995, S. 97 u.a.

2 https://www.nzz.ch/article9G1LU-1.240144

3 Zahlen 2017: Deutschland Untersuchungen: ~ 1.156.650, Davon Behandlungen (PCI): 408.010 Quelle: Decision Research Group Data, Welt ~

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