Ein Lebensretter aus dem Kunststoffbecher

Die Geschichte der Herzschrittmacher bei Siemens

Sie helfen, ohne aufzufallen: Moderne Herzschrittmacher sind meist nur etwas größer als eine Zwei-Euro-Münze, wiegen nur wenige Gramm und werden in der Brustwand der Patienten implantiert. Das war bis vor nicht allzu langer Zeit ganz anders.

Der erste Herzschrittmacher aus dem Jahre 1952 hat die Größe eines Röhrenfernsehers, und der Patient muss das Gerät wie einen Einkaufswagen vor sich her schieben. Mit der Erfindung kleiner Batterien und zuverlässiger Transistoren werden die Schrittmacher in den folgenden Jahren schnell deutlich kleiner und können bereits 1957 wie eine Kette um den Hals getragen werden. Im gleichen Jahr beginnt der schwedische Erfinder Rune Elmqvist mit der Arbeit am ersten voll implantierbaren Herzschrittmacher der Welt.

Arne Larsson geht es schlecht. Im Herbst 1958 kann der ehemalige schwedische Eishockey-Nationalspieler kaum noch den Fuß aus dem Bett setzen, er verliert ständig das Bewusstsein. Bis zu 30 Mal am Tag setzt sein Herz aus, und seine Frau Else-Marie muss ihn jedes Mal mit einem Hieb auf die Brust wiederbeleben. Arne ist zu dieser Zeit 43 Jahre alt – und seine Chancen, noch viel älter zu werden, sind gering. Doch Else-Marie will sich damit nicht abfinden. Aus der Zeitung hat sie erfahren, dass der Arzt Åke Senning im Karolinska Hospital in Stockholm zusammen dem Ingenieur Rune Elmqvist an einem Herzschrittmacher arbeitet, der vollständig implantiert werden kann. Seitdem versucht Else-Marie täglich, die beiden Forscher zu überreden, ihrem Mann Arne zu helfen.

Senning und Elmqvist sind skeptisch, denn bisher hatten sie hauptsächlich daran geforscht, mit welcher Stromstärke und wie vielen Impulsen in der Minute ein Herz stimuliert werden sollte. Doch Else-Marie Larssons Beharrlichkeit zahlt sich aus: In einer geheim durchgeführten Notoperation wird Arne Larsson am 8. Oktober 1958 sein erster Herzschrittmacher implantiert. Das Gerät ist ein Notbehelf, denn aus Zeitmangel muss Rune Elmqvist die Komponenten in einem einfachen Kunststoffbecher mit Kunstharz umgießen. Bereits nach wenigen Stunden hört der Schrittmacher auf zu arbeiten und muss am nächsten Morgen ersetzt werden. Das neue Gerät arbeitet jedoch die folgenden sechs Wochen ohne Probleme. Einige Monate später stellen Elmqvist und Senning ihre Arbeit erstmals auf dem internationalen Kongress für Medizin-Elektronik in Paris vor. Noch ist Rune Elmqvist nicht von der Zukunft seiner Erfindung überzeugt. Er hält Herzschrittmacher „mehr oder weniger für eine technische Kuriosität.“

Er hat sich geirrt. Sein Arbeitgeber Elema-Schönander, später Siemens-Elema, entwickelt zahlreiche Modelle, die sich mit komplexer Technik an individuelle Herzleiden anpassen lassen. In modernen Geräten analysieren Sensoren beispielsweise die momentane körperliche Aktivität und passen die Impulsfrequenz automatisch an. Allein in Deutschland werden jährlich im Schnitt rund 75.000 Geräte implantiert.

In den 43 Jahren nach der ersten Implantation werden Arne Larsson 25 weitere Herzschrittmacher eingesetzt. Mit Schrittmacher kann er wieder gemächlich schwimmen oder Rad fahren, tanzen und sogar auf Flugreisen gehen. Im Beruf ist er wieder belastbar: Larsson bezeichnete sich selbst als Beispiel für den Erfolg von Herzschrittmachern, und setzte sich bei den Herstellerfirmen erfolgreich für die Weiterentwicklung ein. Im Jahre 2001 stirbt Larsson im Alter von 86 Jahren. Sein Tod hatte nichts mit Herzproblemen oder seinem Schrittmacher zu tun. Sogar Rune Elmqvist, der ihm das Leben verlängert hatte, überlebte er damit um etwa fünf Jahre.