Pioniere der Mammographie

Die schwierigen Anfänge einer besonderen Röntgentechnologie

Eine „neue Art von Strahlen“ verändern die Welt: Seit Wilhelm Conrad Röntgen im November 1895 die nach ihm benannten Röntgenstrahlen entdeckt, forschen Ärzte auf der ganzen Welt damit – unter anderem in der Hoffnung, Krebs frühzeitiger sichtbar machen zu können. Auch erste Versuche, pathologische Veränderungen in der Brustdrüse im Röntgenbild darzustellen, begannen schon in diesen Anfangsjahren der späteren Radiologie. Denn bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erkennen die Ärzte Brustkrebs erst in späten Stadien. Die Krankheit ist dann meist schon so weit fortgeschritten, dass den Patientinnen eine Operation nicht mehr hilft. So ist das Interesse bei Ärzten und Wissenschaftlern groß, die sich gerade neu entwickelnde Technologie auch für eine frühe Erkennung von Brustkrebs zu nutzen und damit vielen Frauen helfen zu können.

Einer der Ärzte, die sich früh mit der Untersuchung der weiblichen Brust beschäftigten, ist der deutsche Chirurg Albert Salomon: Er war der Erste, der Röntgenstrahlen einsetzt, um Brustkrebs nachzuweisen. Seine ersten Versuche führt er an 3.000 Operationspräparaten der Brust durch, die er röntgt und anschließend seziert. Ohne am lebenden Menschen zu experimentieren, entwickelt Salomon eine Methode, durch die sich gutartiges von bösartigem Gewebe im Röntgenbild für damalige Zeiten „zuverlässig“ voneinander unterscheiden lässt. Durch die Röntgenbilder entdeckt Salomon auch, dass es verschiedene Arten von Brustkrebs gibt. Als er seine Forschungsergebnisse 1913 veröffentlicht, nehmen andere Mediziner seine Methode trotz beeindruckender Ergebnisse nur sehr zögerlich an. Heute gilt er als Begründer der Brustradiologie, die unter dem Namen „Mammographie“ bekannt ist1.

Ab den 1920er Jahren folgen weitere Forschungen zur Mammographie – vor allem in Deutschland, Südamerika, Frankreich und den USA. Die weltweit erste klinische Mammographie erstellt der Chirurg Otto Kleinschmidt 1927 am Universitätsklinikum in Leipzig2.

Groß angelegte Studien, mit Tausenden untersuchten Frauen, belegen in den 1950er Jahren die hohe Aussagekraft der Mammographie. Die weltweit hohe Zahl der erkrankten Frauen macht eine Verbesserung der Diagnose bei den Mammakarzinomen dringlicher denn je. Eine der Kliniken, die sich dem Thema besonders widmete, ist die Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. Dort werden ab 1957 systematische Untersuchungen der Brust mithilfe des Siemens-Röntgengenerators Tridoros 4 mit speziellen Mamma-Tubussen durchgeführt. Auf Basis dieser Ergebnisse veröffentlich der Privatdozent Dr. Dietrich Buttenberg 1962 das erste Mammographie-Fachbuch in Deutschland „Die Mammographie“.3

In den folgenden Jahren arbeiten viele Ärzte und Wissenschaftler an weiteren Verbesserungen der Untersuchungsmethode. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Walter Dobretsberger am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz/Österreich. Er entwickelt die sogenannte Isodens-Methode (auch Fluidographie genannt), bei der die Brust zur Untersuchung in ein Alkoholbad getaucht wird. Die Patientin liegt dabei auf einer speziellen Vorrichtung. Vorteil der Methode: Das spezifische Gewicht des Alkohols entspricht weitgehend dem des Mammagewebes, was eine bessere Röntgenaufnahme als bisher möglich macht. Die Siemens-Reiniger-Werke GmbH in Wien bringt das Gerät als Fluidograph ab 1964 auf den Markt.

Neben der technologischen Weiterentwicklung erkennt man bald, dass Radiologen eine spezielle Ausbildung benötigen, um die Röntgenbilder der Brust richtig deuten zu können. Daher werden um 1960 die ersten Mammographie-Trainingsprogramme für Ärzte entwickelt. Daneben arbeiten Forscher bereits in den 1960er und 1970er Jahren daran, die Strahlendosis zu reduzieren.


Siemens stellt sein erstes „echtes“ Mammographie-Gerät speziell für die weibliche Brust - wie wir es heute kennen - 1972 vor: den Mammomat. Eine Broschüre beschreibt das Gerät noch etwas umständlich als „eine Arbeitsplatz-Einheit für die röntgenologische Mamma-Diagnostik“.

Die nächste Gerätegeneration folgt in den 1980er Jahren: die Systeme werden schneller und deren Handhabung einfacher. Patientenfreundlichere Geräte und eine soweit möglich „angenehmere“ Untersuchung werden immer wichtiger. 1994 heißt es beispielsweise „Aufatmen für Frauen“ in einer Pressemeldung, die den Mammomat 3000 vorstellt. Das Gerät verfügt über eine automatische Kompressionseinrichtung und reduziert so den Druck auf die Brust der Patientinnen. Bisher sind alle Mammographiegeräte analoge Systeme – die ersten digitalen Systeme gibt es ab Anfang 2000. In den Folgejahren arbeiten Entwickler an weiteren Verbesserungen der Technologie. Eine davon sind spezielle Programme, die den Arzt bei der Befundung der Röntgenbilder durch Computer Aided Detection (CAD) unterstützen. Eine der neuesten Technologien in der Mammographie ist die digitale Brust-Tomosynthese, bei der dreidimensionale Schichtaufnahmen der Brust erstellt werden. Dadurch kann das Gewebe überlagerungsfrei dargestellt werden, was dem behandelnden Arzt noch genauere Informationen für seine Diagnose liefert und die Anzahl von so genannten „Falsch-positiv-Befunden“ reduziert. Der Physiker Thomas Mertelmeier, der bei Siemens Healthineers in Erlangen arbeitet, erhielt für seine Forschungen zur Weiterentwicklung der digitalen 2D-Mammographie zur 3D-Tomosynthese im Jahr 2009 den Siemens-Preis „Erfinder des Jahres“.

 


Die Anfänge des Mammographie-Screenings

Viele Länder, darunter Schweden, England und Kanada, führen in den 1980er Jahren sogenannte Mammographie-Screenings ein, also Vorsorgeuntersuchungen gesunder Frauen ab einem bestimmten Alter. Erst ab 2003 setzt sich das Brustkrebs-Screening auch in Deutschland durch. Außerdem werden Siemens-Mammographie-Geräte in speziellen LKWs installiert, die ab 2006 im Rahmen des „Mammo-Screening“-Projekts an vielen Orten Deutschlands Station machen. Diese Art des mobilen digitalen Brustkrebs-Screenings soll vor allem Frauen, die in ländlichen Gebieten leben oder die nicht mehr so mobil sind, eine patientennahe Vorsorge ermöglichen.

 

1https://en.wikipedia.org/wiki/Albert_Salomon_(surgeon) (zuletzt besucht: September 2017)

2https://www.uniklinikum-leipzig.de/Seiten/geschichte-erste-mammographie.aspx

3Buttenberg D, Werner K. „Die Mammographie“. Stuttgart: Schattauer Verlag; 1962