Der erste Patient war eine Paprika

Alles beginnt mit einer Paprika: Im Februar 1978 startet bei Siemens in Erlangen die Entwicklung einer neuen Technologie für die medizinische Bildgebung: die Kernspintomographie, heute als Magnetresonanztomographie (kurz MRT) bekannt. Bevor sich die Siemens-Entwickler jedoch selbst in die enge Geräteöffnung legen, behelfen sie sich mit einem ungewöhnlichen Versuchsobjekt – einer Paprika. Ihre noch reichlich unscharfe Aufnahme ist heute im Siemens Healthineers MedMuseum in der Gebbertstraße zu sehen – als Zeitzeuge einer außergewöhnlichen Geschichte. 

„Eine Paprikaschote ist schön groß, es sind viele Strukturen drin und sie bewegt sich nicht bei einer langen Messzeit“, sagt Arnulf Oppelt, einer der ersten MRT-Entwickler, im Rückblick auf die spannende Anfangsphase. Zusammen mit anderen Kollegen arbeitet Oppelt damals in der Grundlagenentwicklung für die Magnetresonanztomographie bei Siemens. Das Paprika-Bild ist die erste Aufnahme, die in Deutschland mithilfe dieses neuen Verfahrens aufgenommen wird. Einige Stunden dauert das. Und auch der Ort der Entwicklung ist ein besonderer – ein Forschungslabor komplett aus Holz in der Hartmannstraße. Aufgrund der starken Magnetfelder, mit deren Hilfe die MRT-Bilder entstehen, müssen sie in einem Raum ohne Eisenteile aufgenommen werden.

Nach dem Erfolg mit der Paprika wird man mutiger. Schon bald – im März 1980 – entsteht das erste Schädelbild eines Menschen. Der Physiker Alexander Ganssen legt sich dafür acht Minuten lang in die enge Anlage. Er beschäftigt sich bereits seit seiner Einstellung bei Siemens im Jahr 1965 mit der MRT. Seine Vorschläge und Entwicklungen bringen die medizinische Anwendung der Magnetresonanz entscheidend voran. Ganssen gibt auch den Anstoß zum Bau eines eigenen bildgebenden MRT-Systems bei Siemens.

Erste klinische Einsätze
Im Januar 1983, drei Jahre nach dem Paprika-Bild, wird das erste MRT von Siemens, noch als Prototyp, an der Medizinischen Hochschule Hannover installiert. In klinischen Tests werden dort über 800 Patienten untersucht. Kurz danach steht auch der Name des neuen Bildgebungsgerätes fest: Magnetom. So wie das Gebäude, in dem das Gerät entwickelt wurde, ist auch seine Patientenliege aus Holz.
 

Im August 1983 dann installiert Siemens als erstes Unternehmen weltweit einen kommerziellen Magnetresonanztomographen für die klinische Anwendung: Das Magnetom wird am Mallinckrodt Institute of Radiology in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri in Betrieb genommen. Bereits Ende September werden die ersten Serienmodelle an deutsche Praxen und Krankenhäuser ausgeliefert.

Auf der ganzen Welt gefragt
In den ersten vier Jahren verkauft Siemens weltweit mehr als 150 Magnetom-Geräte, viele davon in die USA. „Auch in Japan ‚die Nase vorn‘“ lautet die Nachricht, als Siemens dort 1987 als erster Hersteller von MRT-Geräten die Zulassung für Systeme mit der höheren Magnetfeldstärke von 1,5 Tesla erhält. Neben den Verkaufserfolgen – Siemens ist heute weltweit führender Anbieter in der Magnetresonanztomographie – geht es danach auch technologisch rasant voran. Höhere Feldstärken verbessern stetig die Bildqualität. Für viele Patienten spielt aber auch ein ganz anderer Entwicklungsschritt eine wichtige Rolle: Der Tunneldurchmesser der Geräte wird kontinuierlich vergrößert, der Magnet selbst immer schmaler. Und auch dass die Untersuchung heute weitaus schneller von statten geht als zu Zeiten der historischen Paprika-Aufnahme, macht die Sache deutlich angenehmer. Nicht ohne Grund gehören Magnetresonanztomographen inzwischen zur Grundausstattung radiologischer Praxen.