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Am 8. November 1895 entdeckt Wilhelm Conrad Röntgen in seinem Labor in Würzburg die von ihm so bezeichneten „X-Strahlen“: Sie können Materie und menschliche Körper unterschiedlich stark durchdringen und lassen sich auf Fotoplatten bannen. Damit ist das erste bildgebende Verfahren geboren. In Abgrenzung zu den „Lichtbildern“ der Fotographie werden diese Röntgenbilder auch „Schattenbilder“ genannt. Am 22. Dezember 1895 gelingt Röntgen die erste Röntgenaufnahme eines Menschen: die Hand seiner Frau Bertha.

 

Siemens MedMuseum Roentgentechnik Hand Bertha Röntgen
Röntgenbild der Hand von Bertha Röntgen, 1895
Quelle: Dt. Röntgen-Museum Lennep

Die Nachricht von Röntgens Entdeckung eilt wie ein Lauffeuer um die Welt. Schon am 5. Januar 1896 erscheint ein detaillierter Bericht in der Wiener „Presse“. Zahlreiche Zeitungsmeldungen und öffentliche Vorträge tragen dazu bei, die geheimnisvollen Strahlen zu popularisieren. Der Blick in das Innere von Menschen und Dingen löst ein wahres „Röntgenfieber“ aus. Überall entstehen Bilder mit Hilfe von Röntgenstrahlen.

 

Kaiser Wilhelm II. lässt Röntgen nach Berlin kommen und sich persönlich Bericht erstatten. Die Euphorie weitet sich aus und es wird so gut wie alles durchleuchtet: Geldbörsen, Gepäckstücke, menschliche Körper. Auf Jahrmärkten und öffentlichen Bühnen werden schon wenige Monate nach der Entdeckung der X-Strahlen Veranstaltungen angeboten, die den Besuchern völlig neue Einsichten versprechen. Die geheimnisvolle Durchleuchtung der eigenen Knochen wird zur öffentlichen Attraktion.

 

Röntgen selbst schätzt seine Entdeckung als wissenschaftlich wohl bedeutend ein, äußert sich aber über deren praktischen Anwendungsmöglichkeiten in der Medizin eher distanziert. Doch Mediziner sind von Röntgens Entdeckung sofort begeistert und sehen ungeahnte Möglichkeiten für die Diagnose von Krankheiten.
 

Siemens MedMuseum Roentgentechnik W. C. Röntgen
Porträtaufnahme W. C. Röntgen, 1895

Auch in Erlangen wird die neue Technik begeistert aufgenommen. Das „Erlanger Tagblatt“ berichtet am 10. Januar 1896 über Röntgens „großartige Entdeckung“. Der Inhaber der in Erlangen ansässigen Firma Reiniger, Gebbert & Schall (RGS), Max Gebbert, erkennt das große Potential dahinter und schickt wenige Tage nach Bekanntwerden den Vertriebsmann Robert Fischer nach Würzburg, um sich über das Verfahren zu informieren und „sofort die notwendigen Apparate zur Erzeugung von Röntgenstrahlen“ zu beschaffen. Kurz darauf stellt Gebbert zwei Physiker für die Weiterentwicklung der neuen Technologie ein: Dr. Willibald Hoffmann und Dr. Joseph Rosenthal.

 

Rosenthal ist es schließlich, der eine spezielle Röntgenröhre für die medizinische Diagnostik konstruiert und bei der Firma Emil Gundelach in Thüringen herstellen lässt. Noch im Laufe des Jahres 1896 bringen RGS ihr erstes Röntgeninstrumentarium auf den Markt. Rosenthal macht damit eine Kopfaufnahme und schickt sie an Wilhelm Conrad Röntgen nach Würzburg, der sich für die „Zusendung der sehr schönen Photographie eines Kopfes“ bedankt. Die Belichtungszeit für diese Aufnahme betrug 12 Minuten.
 

Siemens MedMuseum Roentgentechnik Schädelaufnahme
Schädelaufnahme, angefertigt von Dr. Joseph Rosenthal bei RGS, 1896

In einem Brief vom 27. November 1896 schreibt Röntgen an Gebbert und lobt die gute Qualität der Röhren, klagt aber gleichzeitig über den hohen Preis: „Ihre Röhren sind in der That sehr gut, aber für meine Verhältnisse zu theuer… Ich möchte mir deshalb die Frage erlauben, ob Sie mir die Röhren nicht zu M 20 statt M 30 liefern können…“ Der Antwortbrief von Gebbert existiert nicht mehr, doch ein anderes Schreiben von Röntgen weist darauf hin, dass ihm dieser Vorzugspreis gewährt wurde.

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Röntgens Brief an RGS vom 27. November 1896

Max Gebbert lässt ab Herbst 1896 sogenannte Röntgen-Expeditionen ausstatten, die in größeren Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz die Wirkung der Röntgenstrahlen vorführen: Ein Vertriebsmann liefert dabei die Hintergrundinformationen und wirbt die Interessenten an, ein Techniker bedient die Apparate, ein Mediziner erläutert die Anwendungen. Zu diesen mobilen Vorführungen werden Bürgermeister und Stadträte, Lehrer und Ärzte eingeladen. Gleichzeitig verhelfen sie dem Erlanger Unternehmen RGS zu nationaler und internationaler Aufmerksamkeit. Sehr schnell werden erste Arztpraxen und Krankenhäuser mit der neuen Technologie ausgestattet. Auch die chirurgische Klinik der Erlanger Universität bekommt noch 1896 die erste Röntgenanlage.

 

Der Betrieb der Anlagen ist in den Anfangsjahren kompliziert und erfordert viel Erfahrung. Nur experimentierfreudige Ärzte wagen sich zunächst an die neuen Apparaturen und so entwickelt sich rasch eine Expertenkultur. Von den frühen Röntgenlabors bis zu den standardisierten Verfahren der modernen Diagnostikräume ist es dennoch ein langer Weg. Verbesserte Technik und Diagnosemöglichkeiten verändern die Behandlungssituation dabei immer aufs Neue. 
 

Erste Veröffentlichung von W.C. Röntgen „Eine neue Art von Strahlen“, 1896
Erste Veröffentlichung von W.C. Röntgen „Eine neue Art von Strahlen“, 1896

W. C. Röntgen verzichtet auf ein Patent seiner Entdeckung, denn er möchte, dass seine Erfindungen der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden und nicht einzelnen Unternehmen gehören. Er wird 1901 als erster Wissenschaftler überhaupt mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet. Das Preisgeld von 50.000 Kronen stiftet er der Universität Würzburg. Röntgen war bei seinen Forschungen zu den X-Strahlen so gründlich, dass er fast alle Eigenschaften der Strahlen bereits erkannt und in drei Veröffentlichungen beschrieben hat.

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